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06.03.2007

"Ein bisschen Wehmut ist schon dabei"

Von seinem Schreibtisch im Rathaus am Augustinerhof leitete Helmut Schröer als Oberbürgermeister 18 Jahre lang die Geschicke von Deutschlands ältester Stadt.
Von seinem Schreibtisch im Rathaus am Augustinerhof leitete Helmut Schröer als Oberbürgermeister 18 Jahre lang die Geschicke von Deutschlands ältester Stadt.
Oberbürgermeister Helmut Schröer geht zum Monatsende in den Ruhestand. Ab 1. April übernimmt Klaus Jensen, im September vergangenen Jahres in direkter Wahl zu seinem Nachfolger bestimmt, die Amtsgeschäfte als „erster Bürger“ der Stadt. Die Rathaus Zeitung läßt in drei Folgen die 30jährige Tätigkeit Schröers für die Stadt Trier als Beigeordneter, Bürgermeister und Oberbürgermeister noch einmal Revue passieren und zeigt dabei einige Arbeitsschwerpunkte auf. Im ersten Beitrag geht es um den Werdegang Schröers, sein Politikverständnis sowie um die Themen Kommunale Selbstverwaltung, Verwaltungsreform, Europa,
Luxemburg und das Ehrenamt.

"Dun et janz"

Ein rheinischer Spruch aus seiner Heimatstadt Köln hat Oberbürgermeister Helmut Schröer ein Berufsleben lang begleitet: „Dun, wat de kanns. Dun et nit halv, dun et janz.“ Das Zitat, das – eingerahmt und gut sichtbar – an der Wand neben Schröers Schreibtisch im geräumigen OB-Büro im Rathaus Am Augustinerhof hängt, charakterisiert mehr als viele Beschreibungen die Arbeitsauffassung eines Mannes, der in diesen Tagen nach über 30jähriger Tätigkeit für die Stadt Trier dabei ist, aufzuräumen, seine Sachen zu packen und dann das Amt des Oberbürgermeisters am Monatsende seinem Nachfolger Klaus Jensen zu übergeben. Ein bisschen Wehmut sei schon dabei, gibt Schröer unumwunden zu. Doch eine politische Funktion sei nun mal ein Mandat auf Zeit. „Es ist in Ordnung, wenn nach so langer Zeit etwas Neues kommt“, sagt Schröer und er freut sich jetzt auch auf die „Rückgewinnung von Freiräumen“.

Triers scheidender Oberbürgermeister hatte in den zurückliegenden drei Jahrzehnten viele politische Mandate inne. 1974 wurde er für die CDU in den Stadtrat gewählt. Als er sich 1977 als Beigeordneter unter 18 Mitbewerbern für das erstmals ausgeschriebene Wirtschaftsdezernat bewarb, war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Doch Schröers Kandidatur blieb in den eigenen Reihen nicht unumstritten. Bei der Abstimmung im Stadtrat aber gab es für den 34jährigen Studiendirektor eine Stimme mehr als die CDU Sitze hatte. Und bei der Wiederwahl zehn Jahre später waren es gleich zwei. Diesmal hatte der Rat zudem auf eine öffentliche Ausschreibung der Stelle, die jetzt mit dem Amt des Bürgermeisters gekoppelt war, verzichtet.

Antrittsrede nach acht Monaten Makulatur

Dass politische Laufbahnen und Entwicklungen kaum planbar sind, erlebte der Wirtschaftsexperte nur zwei Jahre später, als der amtierende Oberbürgermeister Felix Zimmermann vorzeitig als Verbandschef eines kommunalen Unternehmens nach Köln wechselte. Schröer kandidierte bei wiederum 18 Mitbewerbern und wurde im Sommer 1988 durch den CDU-Mehrheitsentscheid des Rates Zimmermanns Nachfolger. Seine Antrittsrede vom 1. April 1989 sollte sich allerdings schon wenige Monate später durch die Folgen des Falls der Mauer als Makulatur erweisen. Das bis zur Wende eher unbekannte Wort der „Konversion“, womit die Umwidmung einstmals militärisch genutzter Flächen für zivile Zwecke gemeint ist, wurde mit dem Abzug der französischen Truppen aus Trier zum Leitbegriff von Schröers OB-Tätigkeit schlechthin. Triers neues Stadtoberhaupt begriff die Konversion als „Chance für die Stadt“. Mit seiner optimistischen Einschätzung schlug er gegen die Einwände mancher Bedenkenträger ein völlig neues Kapitel der Stadtentwicklung auf. Unvergessen auch die Zeit vor und nach der deutschen Wiedervereinigung, in der man im Rathaus über die turbulenten Phasen der Städtepartnerschaft mit Weimar ein Stück deutsch-deutscher Geschichte miterlebte und gestaltete.

Schröer stellte sich 1998 bei der ersten OB-Direktwahl für eine zweite, vom Gesetzgeber nunmehr auf acht Jahre verkürzte Amtszeit dem Votum der Bürger. Mit 57 Prozent erreichte er gegen zwei Mitbewerber bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit und überflügelte damit bei weitem das Ergebnis seiner Partei bei den gleichzeitigen Bundestagswahlen.

Helmut Schröer stammt aus einer Kölner Arbeiterfamilie. Der Vater arbeitete als Elektroschweißer bei Ford. Für den Sohn war damit der Weg zur CDU nicht unbedingt vorgezeichnet. Kontakt zur Politik fand der junge Schröer über sein wirtschaftspolitisches Studium, das er sich als Fußball-Stürmer „mit einer richtigen Nummer 10“ und Trainer teilweise selbst finanzierte. In der ihn fesselnden Auseinandersetzung zwischen Planwirtschaft und Sozialer Marktwirtschaft entschied er sich für das ordnungspolitische System Ludwig Erhards. Dessen Bild hängt auch heute noch direkt neben dem kölnischen Leitspruch in seinem Büro. Bei Alfred Müller-Armack, Mitarbeiter Erhards und geistiger Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft, erhielt Schröer sein wirtschaftspolitisches Rüstzeug, das ihm später als Wirtschaftsdezernent und Oberbürgermeister als Handlungsmaxime diente.

Zunächst aber wechselte er von Köln über Manderscheid, wo er seine spätere Frau Gisela kennen lernte, als Lehrer für Wirtschaftswissenschaften und Germanistik an die Berufsbildenden Schulen für Wirtschaft nach Trier. Schröer war „gerne Lehrer“, schrieb Schulbücher und arbeitete an Lehrplänen mit. Zur schulischen Laufbahn gesellten sich Erfolge in der Politik. Nach seinem CDU-Beitritt Mitte der 60er Jahre gehörte er von 1969 bis 1971 dem Kreistag Bernkas-
tel-Wittlich an, wurde 1971 Kreisvorsitzender der Jungen Union Trier-Stadt und 1974 Trierer Stadtratsmitglied.

Gewaltiger Nachholbedarf bei der Wirtschaftsförderung

Als er drei Jahre später unter Oberbürgermeister Carl-Ludwig Wagner zum ersten Beigeordneten des neu gegründeten Wirtschaftsdezernats gewählt wurde, stand die Stadt vor schweren wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Arbeitslosenquote betrug über 15 Prozent, immer häufiger verließen wichtige Behörden und Betriebe die Stadt. Der Nachholbedarf zur Förderung der Wirtschaftsstruktur war gewaltig. Mit speziellen Umsiedlungs- und Förderprogrammen sollten die heimische Wirtschaft angekurbelt, Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen werden. Zur Festigung des Einzelhandels wurden Konzepte und für das Handwerk verbesserte Rahmenbedingungen entwickelt. „Es kam darauf an, alle Beteiligten in ein Boot zu bekommen und gemeinsam Ideen für eine positive Entwicklung umzusetzen“, beschreibt Schröer den damaligen Prozess. Zu den Bausteinen gehörten Projekte wie der Um- und Ausbau des Trierer Industriegebiets, die Trierer Wirtschaftstage, die Moselland-Ausstellung oder Aktionen  wie „Lehrzeit statt Leerzeit“.

Schon früh zeigte sich, dass Schröers bevorzugtes Spielfeld die Kommunalpolitik war und bleiben sollte. „Ich war der geborene Kommunalpolitiker und suchte den Kontakt zu den Menschen“, zieht er 30 Jahre später Bilanz, ein Landtags- oder Bundestagsmandat sei nie ein Thema für ihn gewesen. Die Kommunalpolitik orientiere sich „hart an den Realitäten“, hier könne man „zielgerichtet durch Zukunftskonzepte arbeiten“ und unmittelbar miterleben, „was wächst“.

Das in der Verfassung verankerte „hohe Gut“ der kommunalen Selbstverwaltung sieht Schröer allerdings stark gefährdet. Immer wieder hat er als Kämmerer in den zurückliegenden Jahren die den Städten per Gesetz auferlegten Belastungen gebrandmarkt. Die Kommunen würden ausgeplündert, ihre finanzielle Eigenständigkeit und ihr politischer Handlungsspielraum drohten verloren zu gehen. Schröer zeigt Verständnis für den Missmut vieler ehrenamtlich engagierter Stadträte, die die „Schnauze voll hätten, am Gängelband der Zuschüsse“ geführt zu werden. Neue Wege müssten beschritten werden, um die eigenständige politische Gestaltungsmöglichkeit der Kommunen zurück zu gewinnen.

Neue Weichen mit landesweitem Experimentier- und Modellcharakter wurden seit 1994 bei der Verwaltungsreform gestellt. Im Trierer Rathaus wurde ein „gewaltiger Prozess in Gang gebracht“, der, so Schröer „noch lange nicht abgeschlossen ist“. Der Verwaltungschef weiß, dass er seinen Mitarbeitern in den zurückliegenden Jahren einiges an Veränderungen, „Verwaltung neu zu denken und sich dem Wettbewerb zu stellen“ abverlangt hat. Dabei verzichtete er auf die externe Mitwirkung teurer Beratungsfirmen und vertraute vor allem auf die „großartige Mitwirkungsbereitschaft“ der überwiegenden Zahl seiner Mitarbeiter. Budgetierung, Produktbeschreibung oder Doppik, so lauten einige der Zauberformeln, mit denen das Rathaus dabei ist, zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen umgebaut zu werden. Das 1995 eröffnete Bürgeramt mit seiner verstärkten Bürger- und Serviceorientierung wurde zum Synonym eines neuen Rathaus-Selbstverständnisses.

Trier als europäische Stadt

Fragt man Schröer nach dem wichtigsten Kapitel seiner Amtszeit, kommt die Antwort ohne Zögern: „Die Profilierung Triers als europäische Stadt“. Das Thema Europa mit seinen vielen positiven Auswirkungen für die Moselmetropole hatte für ihn stets Priorität. Die europäischen Einrichtungen und Institute in Trier, allen voran die Europäische Rechtsakademie, könnten nach seiner Einschätzung im Bewusstsein der Moselmetropole durchaus eine noch größere Rolle spielen, als dies momentan der Fall ist. Die Qualifizierung Triers als auch für die Luxemburger höchst attraktive Einkaufsstadt bleibt, so Schröer, „eine ständige Aufgabe“. Mit Nachdruck plädiert er für Kooperationen, so auch auf kulturellem Sektor. Beide Seiten könnten aus einem reichhaltigen Fundus schöpfen und sich in ihren aktuellen Angeboten gegenseitig ergänzen.

Schröer sah seine Rolle im Drei-Länder-Eck als „Grenzgänger“, der durch „kommunale Außenpolitik“ im Bewusstsein der leidvollen geschichtlichen Ereignisse kontinuierlich daran arbeitete, das Verhältnis zu den europäischen Nachbarn zu verbessern und damit die Bemühungen seiner Vorgänger fortsetzte. Die freundschaftlichen Verbindungen zu den benachbarten Städten Metz und Luxemburg, wie sie sich auch im Städtenetz QuattroPole gemeinsam mit Saarbrücken widerspiegeln oder das Europäische Kulturhauptstadtjahr 2007 mit der Einbindung Triers als Stadt in der Großregion sind für Schröer „großartige Geschenke“, an die zu Beginn seiner Amtszeit in dieser Dichte noch nicht zu denken war. Dass „Luxemburg und die Region für Trier das Zukunftsfeld der Politik“ sein wird, steht für den überzeugten Europäer außer Frage. Von diesem Miteinander könnten alle Beteiligten politisch, wirtschaftlich und kulturell nur profitieren. Wenn mit Jean-Claude Juncker zur Verabschiedung Schröers am 27. März nicht nur der luxemburgische Regierungschef, sondern auch Triers Ehrenbürger als Redner in die Arena kommt, dürfte diese freundschaftliche Geste für das Verhältnis zwischen Trier und Luxemburg vielsagender als manche Darstellung über die einstmals schwierige Nachbarschaft sein.

Es waren die vielen persönlichen Begegnungen am Rande der „großen Kommunalpolitik“, die Schröer am Amt des Oberbürgermeisters faszinierten. Ehrenhochzeiten, Geburtstagsjubiläen ab 100 aufwärts und vor allem die Ehrenamtsempfänge der Stadt nennt er „beglückende Veranstaltungen“. Abseits vom politischen Alltagsstress spürte er bei diesen Anlässen die Identifikation der Menschen mit ihrer Stadt. Ihre Bereitschaft, sich im unmittelbaren Lebensumfeld der „kleinen städtischen Einheiten“ mit unterschiedlichsten Diensten für das Gemeinwesen einzubringen, hat er stets als „Zeichen für die Qualität und den Lebenswert“ der Stadt gewertet.

Müdigkeit beim Ehrenamt kann Schröer nicht feststellen, allenfalls Veränderungen in der Form, die man akzeptieren und mit neuen Angeboten, sich einbringen und mitmachen zu können, unterstützen müsse. Denn „die Stadt“, so hat er immer wieder gesagt, „das sind wir alle“.


Zur Person

Helmut Schröer
* 23. November 1942 in Köln
seit 1966 verheiratet mit Gisela Schröer,
drei Töchter, drei Enkel

•    1962 bis 1967: Studium der Wirtschaftswissenschaften und Germanistik in Köln
•    ab 1967: Lehrer an den Berufsbildenden Schulen für Wirtschaft in Trier
•    1975: stellvertretender Leiter des Studienseminars für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen im Regierungsbezirk Trier
•    Juni 1977: Wahl zum Wirtschaftsdezernent der Stadt Trier
•    November 1986: Wiederwahl und Bürgermeister ab August 1987
•    Juli 1988: Wahl auf zehn Jahre zum Oberbürgermeister durch den Stadtrat
•    1. April 1989: Amtsantritt als OB
•    September 1998: Bestätigung als OB durch erste Direktwahl
•    1. April 1999: Beginn der zweiten Amtsperiode

Auszeichnungen:
Französischer Verdienstorden des „Ordre National du Mérite
au grade d’Officier“ (1993)
Luxemburgischer Orden eines „Commandeur de l’Ordre de la
Couronne de Chaîne“ (2000), (Komturkreuz des Ordens der
Eichenlaubkrone des Großherzogtums Luxemburg)

Hobbies:
Intensiver Bezug zum Sport
früher Leichtathletik und aktiver Fußballer, heute Tennis
Theater, vor allem Schauspiel.
Moderne Kunst.