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Trier im Zweiten Weltkrieg

Einer Trümmerwüste glich die Innenstadt (hier die Fahrstraße) nach den Bombenangriffen vom Dezember 1944.
Einer Trümmerwüste glich die Innenstadt (hier die Fahrstraße) nach den Bombenangriffen vom Dezember 1944.

Weihnachten 1944: Trier ist tot, eine Geisterstadt. Bescherung, Gottesdienst und Festtagsbraten fallen aus. Staubwolken und Brandgeruch liegen über der Trümmerwüste, in die die drei schweren Luftangriffe vom 19., 21. und 23. Dezember weite Teile der Innenstadt verwandelt haben. Immer wieder lodern Feuer auf. Ansonsten herrscht in den Straßen der kurz zuvor von fast der gesamten Zivilbevölkerung verlassenen Stadt eine gespenstische Stille, die vom frisch gefallenen Schnee noch verstärkt wird. Das wenige Leben spielt sich fast ganz unter der Erde ab, in Bunkern, Kellern und Stollen. Die Gewalt, mit der SS und Wehrmacht ganz Europa überzogen hatten, kehrte damals mit voller Wucht nach Deutschland zurück.

Drei Großangriffe in fünf Tagen

Das erste Inferno brach am 19. Dezember gegen 15.30 Uhr über die Innenstadt herein, als 30 britische Lancaster-Bomber 136 Tonnen Sprengbomben abwarfen. Das Szenario wiederholte und steigerte sich im Zwei-Tages-Rhythmus: Am 21. Dezember, zwischen 14.35 Uhr und 15.17 Uhr, waren es 94 viermotorige Lancaster- und 47 amerikanische Jagdbomber, die Trier mit 427 Tonnen Spreng-, Brand- und Napalmbomben traktierten. Der schwerste Angriff folgte am 23. Dezember: 700 Tonnen Bomben eines britischen Geschwaders fielen am frühen Nachmittag auf die Altstadt. Die Feuerwehr stand angesichts von 52 Großbränden auf verlorenem Posten, zumal das Löschwasser gefror. Auch an Heiligabend kam Trier nicht zur Ruhe: Diesmal waren das Gartenfeld, das Bahnhofsviertel und Pfalzel am stärksten betroffen.

Mindestens 420 Tote

Einer Recherche des Heimatforschers Adolf Welter zufolge kamen bei den Dezember-Angriffen auf Trier mindestens 420 Menschen ums Leben. Die Schäden an den jahrhundertealten Bauwerken waren bedeutend: Vernichtet oder bis auf die Grundmauern zerstört wurden unter anderem das Kloster St. Irminen, das Kurfürstliche Palais, die Steipe, das Palais Kesselstatt und das Stadttheater. Am Dom wurde das Dach des Hauptschiffs zu 80 Prozent zerstört, die Schatzkammer und der Kreuzgang schwer beschädigt. Das Dach von St. Gangolf stürzte ein, von St. Gervasius blieb nur die vordere Fassade stehen. Von 9097 Wohnhäusern, die 1939 in Trier gezählt wurden, überstanden nur 1422 den Krieg unbeschadet. 1600 Häuser waren völlig zerstört, der Rest war mehr oder weniger stark beschädigt.

Zunächst nur geringe Schäden

Die Geschichte der Luftangriffe auf Trier im Zweiten Weltkrieg begann in den Jahren 1940/41 mit Bombenabwürfen einzelner britischer Flugzeuge, die nur wenig Schaden anrichteten. Am 1. April 1943 wurde es erstmals ernst: Sechs Tiefflieger griffen das Bahnausbesserungswerk in Trier-West an. Bei dieser Attacke kamen 21 Menschen ums Leben. Allerdings blieb Trier von ungezielten Flächenbombardements, die die Zivilbevölkerung demoralisieren sollten und zuerst 1940 von der deutschen Luftwaffe gegen England ausgeführt wurden, länger als viele andere Städte verschont. Bis zum 14. August 1944: Erstmals wurde die Innenstadt schwer getroffen, als zehn US-Bomber rund 25 Tonnen Brandbomben abwarfen. Bei diesem Angriff brannte unter anderem die Konstantin-Basilika bis auf die Außenmauern ab. Im September 1944 standen US-amerikanische Truppen bereits an der deutsch-luxemburgischen Grenze. Zur Gefahr aus der Luft kam eine neue Bedrohung hinzu, denn Trier lag nun in der Reichweite amerikanischer Artillerie und wurde fast täglich beschossen. Den ganzen Herbst über flogen die Alliierten zudem kleinere Luftangriffe, bei denen unter anderem der Hauptbahnhof schwer beschädigt wurde.

Evakuierung der Bevölkerung

Unterdessen liefen wegen der Nähe zur Front die Vorbereitungen für die Evakuierung der Stadt. Zunächst mit sanftem Druck, später mit Androhung von Gewalt versuchte die NSDAP, die Bevölkerung zum Verlassen ihrer Häuser zu bewegen. Kein „ Volksgenosse“ sollte dem „entmenschten Feind in die Hände fallen“, so die NS-Propaganda. Sofern sie nicht bei Verwandten oder Bekannten Zuflucht fanden, war als „Aufnahmegebiet“ für die Trierer vor allem die Umgebung der heutigen Partnerstadt Weimar vorgesehen. Zwischen 25. Oktober und 18. Dezember fuhren mehrere Sonderzüge nach Thüringen. Schließlich durften sich nur noch Inhaber einer roten Kennkarte in Trier aufhalten. Dazu zählten unter anderem Feuerwehrleute und Polizisten, Mitarbeiter des Technischen Notdienstes, der Stadtverwaltung, der Stadtwerke, des RWE, der Bahn und der Post, Krankenhaus- und Militärpersonal – alles in allem rund 5000 Personen. Wie schwer es der Bevölkerung gefallen sein muss, ihr Hab und Gut einem ungewissen Schicksal zu überlassen, zeigt die Tatsache, dass mehrere hundert Trierer sich dem Zwang zur Evakuierung widersetzten und illegal in ihren Häusern und Kellern blieben.

Koordinations-Zentrale im Hochbunker

Nach den verheerenden Dezember-Angriffen blieben nur noch 3000 Inhaber der roten Kennkarte in Trier. Die schwerste Aufgabe, die ihnen bevorstand, war das Bergen der Leichen, die oft tief unter den Trümmern lagen. Sie versuchten, die immer wieder aufflammenden Brände zu löschen und improvisierten Rettungsaktionen für bedrohte Kunstschätze, Bücher und Archivalien. Die Einsätze und Aufräumarbeiten wurden im Hochbunker auf dem Augustinerhof koordiniert, wo die Leitungen der Feuerwehr, des Technischen Notdienstes und der Stadtverwaltung untergebracht waren. Auch alle anderen öffentlichen Einrichtungen wurden nun unter die Erde verlegt: Im Bunker an der Markusstraße wurden die nicht transportfähigen Kranken aus den Trierer Hospitälern versorgt. Die Gestapo saß in einem Stollen am Trierweilerweg, die lokalen Parteiführer hatten sich – so weit noch nicht geflohen – in einen Bunker in Pallien zurückgezogen.

Ende Januar 1945 übernahm angesichts der bevorstehenden Offensive der Alliierten ein Militärkommandant die Macht in Trier, gleichzeitig wurden fast alle verbliebenen Zivilisten evakuiert. Viele von ihnen tauchten jedoch unter und erwarteten das Ende des Kriegs in ihren Kellern. Der von den Nationalsozialisten propagierte Ausbau Triers zur „Festung“ erwies sich als unmöglich, die Stadt fiel ohne schwere Kämpfe in die Hand der vorrückenden US-Panzertruppen. Am Vormittag des 2. März 1945 wehte das Sternenbanner auf dem Hotel Porta Nigra – die unmittelbaren Schrecken des Kriegs waren für Trier vorbei.