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06.05.2021

Trierer Rede: Von Filterblasen und Social Bots

MNarina Münkler war bei ihrer Trierer Rede aus Dresden zugeschaltet.
Die Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler hielt die Trierer Rede digital und war aus Dresden zugeschaltet. Moderiert wurde der Abend von Historiker Professor Lutz Raphael von der Uni Trier.

Die Zahl ist beeindruckend: Einer Studie zufolge nutzen rund 66 Millionen Deutsche soziale Medien – das entspricht fast 80 Prozent der Bevölkerung. Wie die Nutzung von Facebook, Snapchat, Instagram, WhatsApp und Co. zur Veränderung der Kommunikationskultur beiträgt und wie dies die Demokratie gefährden kann, beleuchtete die Literaturwissenschaftlerin Prof. Marina Münkler bei der diesjährigen Trierer Rede zum Geburtstag von Karl Marx.

Er gilt als Prototyp eines Kommunikationsmodells, bei dem die Herabsetzung Anderer eine zentrale Rolle einnimmt: Der ehemalige US-Präsident Donald Trump. Wie Münkler in ihrem digitalen Vortrag deutlich machte, beruht die Logik der Herabsetzung auf Steigerung: „dem noch schärferen bösen Witz, der noch kränkenderen Formel, der noch deutlicher schmähenden Äußerung, die einem mehr Anhänger einbringt“. Dass die Bildung emotionalisierter Gemeinschaften über negative Emotionen wie Wut und Hass, die sich in Schmähungen und Herabsetzungen äußern, viel effektiver und „politisch ausschlachtbarer“ sind, als die Bildung positiv emotionalisierter Gemeinschaften, ist ebenso eine Beobachtung der Literaturwissenschaftlerin.

Doch inwiefern tragen die Sozialen Medien zu dieser Entwicklung bei? Eine große Rolle spielen die sogenannten „Filterblasen“. Diese entstehen, weil Online-Plattformen versuchen, algorithmisch vorauszusagen, welche Informationen der Nutzer finden möchte. Wie Münkler erklärte, resultiere daraus eine Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt der Nutzerin oder des Nutzers entsprechen. Der Filterblase ähnlich ist die „Echokammer“: Damit wird das Phänomen beschrieben, dass viele Menschen in Sozialen Netzwerken dazu neigen, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben, um sich dabei gegenseitig in der eigenen Position zu verstärken. Münkler: „In den Netzwerken bildet sich dadurch eine fatale Dynamik. Befeuert durch die Echokammer verbreiten sich nur innerhalb einer Gruppe konsensfähige Inhalte und ihnen zugeordnete verstärkende Kommentare innerhalb der Netzwerke wie ein Lauffeuer.“ Und: Je mehr man andere herabsetze, desto mehr hätten die Follower schadenfroh zu lachen und desto beeindruckter seien sie. Zugleich fühlten sie sich ermächtigt, Andersdenkende ebenfalls zu diskreditieren. Und einige fühlen sich sogar ermächtigt, zu handeln. So sei bei Anschlägen häufig zu lesen, der oder die Attentäter hätten sich im Internet radikalisiert. Münkler ist sich sicher: Hier spielen die Filterblasen und Echokammern und die darin verbreiteten Verschwörungserzählungen eine große Rolle.

Unbequeme Infos herausgefiltert

Das Netz, so erklärte Münkler, sorge also dafür, dass man vor allem Dinge zu sehen bekomme, die das eigene Weltbild stützen, während unbequeme, dem eigenen Weltbild zuwiderlaufende Informationen herausgefiltert würden. Nutzer Sozialer Netzwerke befänden sich also, wenn sie nicht gezielt nach ihren Überzeugungen entgegenlaufende Informationen suchen, in einer Filterblase. Diese verstärken auch Verschwörungstheorien, in denen etwa wissenschaftlichen Experten keinen Glauben mehr geschenkt wird. Erzählungen, wie etwa die, dass Covid 19 und der Klimawandel erfunden seien, träten an die Stelle wissenschaftlicher Fakten, so Münkler.

Eine weitere Herausforderung für die Gesellschaft sind laut der Wissenschaftlerin Social Bots, die inzwischen zunehmend leibhaftige Trolle ersetzen, die im Netz im Sinne ihrer Auftraggeber Stimmung machen. Social Bots sind von Algorithmen gesteuerte Programme, die vortäuschen, echte Menschen mit Wissen, Meinungen und Emotionen zu sein. Dies gelingt ihnen durch die Nachahmung menschlicher Kommunikation. Experten schätzen, dass bereits ein Drittel aller Twitter-Nutzer Social Bots sein könnten – Tendenz steigend. „Fraglos sind damit die sozialen Netzwerke zum idealen Nährboden für jedwede Propaganda geworden“, ist sich Münkler sicher. Dies könne zur Destabilisierung von Demokratien beitragen. Dafür bedürfe es nur einer geringen Zahl von gezielt handelnden Akteuren, die sich jedoch als Scheinriesen präsentieren. Neben den USA gerieten auch Demokratien in Europa unter Druck, wie etwa Polen und Ungarn, in denen Politiker gewählt worden seien, die auf Angst, Wut, Ablehnung und Ausgrenzung setzen. Münkler ist sich sicher, dass die Gesellschaft erst am Anfang der Entwicklung stehe und der Logik der Herabsetzung entgegenzutreten eine Aufgabe der kommenden Jahrzehnte sein wird.

Die Rede ist weiterhin über YouTube abrufbar:

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