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12.07.2016

Große Herausforderungen

Bild: Frauenbeauftragte Angelika Winter
Frauenbeauftragte Angelika Winter

Der Steuerungsausschuss hat den Tätigkeitsbericht 2015 der Trierer Frauenbeauftragten Angelika Winter mit Dank und Anerkennung zur Kenntnis genommen. Im Gespräch mit der Rathaus Zeitung (RaZ) geht sie auf einige Schwerpunkte ein.

RaZ: Wie hat sich die gestiegene Zahl der in Trier lebenden weiblichen Flüchtlinge ausgewirkt?

Winter: Viele von uns haben das Bild des männlichen Flüchtlings im Alter zwischen 20 und 30 Jahren im Kopf. Tatsächlich sind es ja auch mit einem Anteil von zwei Dritteln Männer, die zu uns gekommen sind. Jedoch liegen die Herausforderungen der Integration von geflüchteten Frauen woanders. Den differenzierten Blick darauf vermisse ich oftmals bei der öffentlichen Diskussion. Alleinstehende Frauen haben nicht selten auf der Flucht sexualisierte Gewalt erfahren. Und die Familienfrauen haben oft aufgrund ihrer Kultur und Religion Hemmnisse, am öffentlichen Leben teilzuhaben. Die Betreuung traumatisierter Frauen, die Sicherheit von Frauen in den Gemeinschaftsunterkünften, die Teilhabe von geflüchteten Familienfrauen an Integrationskursen sind nur einige Themen, die mich umtreiben. Auch wenn der Anteil der Frauen an den Flüchtlingen nur ein Drittel beträgt, sind die einzelnen Schicksale und Herausforderungen der Integration mächtig.

Wie hat sich das von Ihnen initiierte Trierer Bündnis für Familie im vergangenen Jahr entwickelt?

Das Netzwerk, das sich eine familienfreundliche Arbeitswelt zum Ziel gesetzt hat, wächst weiter. Die Vernetzung der lokalen Akteure wurde durch gemeinsame Veranstaltungen weiter gefördert. Der Erfahrungsschatz im Familienbündnis ist enorm. Viele Unternehmen profitieren von bereits erprobten Projekten. Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Das ist ein großer Vorteil. Zudem gelingen Projekte, wie die alljährliche Betreuung in den Sommerferien, im Verbund besser. Die Koordination und Entwicklung der Aktivitäten wird so auf mehrere Schultern verteilt. 

Eine wichtige Rolle spielt seit Jahren das Thema Prostitution. Wie schätzen Sie die Entwicklungen rund um die neue Sperrgebietsverordnung ein?

Ich habe Verständnis für die Bürgerinnen und Bürger, die sich von dem Anblick der Straßenprostitution betroffen fühlen. Jedoch ist sie seit 2002 ein legales Gewerbe. Ich habe auch Verständnis für die oft aus Bulgarien stammenden Frauen, die sich so ein Einkommen erwirtschaften, was nicht selten direkt in die Heimat geschickt wird. Ich habe kein Verständnis für Äußerungen, dass die Frauen für die Müllprobleme verantwortlich sind. Ohne die Freier gäbe es keine Prostitution in der Ruwerer Straße. Ich habe mich wegen des Sicherheitsbedürfnisses der Frauen sehr dafür eingesetzt, dass sie weiter dort ihre Dienste anbieten können. Mangels Alternativen hätten sie sonst die Bitburger Straße wählen oder an illegalen Standorten auf Freier warten müssen. Die Streetworkerin der Beratungsstelle beim Gesundheitsamt steht im Austausch mit den Frauen. Diese Aufklärungs- und Gesundheitsberatung ist sehr wichtig und nur leistbar, wenn die Streetworkerin  weiß, wo die Frauen sich aufhalten.

Wie bewerten Sie das Bordellkonzept?

Ich bin gespannt, ob so eine Steuerung von Bordellbetrieben machbar ist. Auf jeden Fall setzte ich mich weiter dafür ein, dass nicht nur baurechtliche Gründe relevant sind, sondern auch sozialethische Aspekte in die Überlegungen über mögliche Schließungen von Bordellen einfließen. 

Seit mehreren Jahren findet auf Ihre Initiative der Equal Pay Day statt. Warum ist der Abbau der Entgeltunterschiede immer noch so schwierig?

Ich bin überzeugt, dass viele Frauen und Männer gar nicht wissen, wie unterschiedlich sie bezahlt werden. In Deutschland redet man nicht über das Gehalt. Und wenn eine berufstätige Frau keine Vergleichswerte hat, wie soll sie sich dagegen wehren? Hier ist eine gesetzlich verankerte Transparenz gefragt. Auch Berufe, die viele Frauen ausüben, müssen aufgewertet werden. Hier müssen wir uns als Gesellschaft insgesamt fragen, was uns die Arbeit im Bereich Dienstleistungen, dem Dienst am Menschen wert ist. So erhält der Müllmann eine Erschwerniszulage, die Altenpflegerin indes nicht. Ein letzter wesentlicher Punkt ist die Verteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit. Zu zwei Dritteln übernehmen die Frauen immer noch die unbezahlte Hausarbeit. Solange die partnerschaftliche Verteilung beider Arbeitsfelder nicht gelingt, gibt es weiterhin diese Einkommensunterschiede.

Das Gespräch führte Petra Lohse